Factoring in der Unternehmensfinanzierungspraxis

Januar 2012

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Einleitung

Das Factoring ist ein weit verbreitetes Instrument der Absatzfinanzierung und des Forderungsmanagements. Beim Factoring handelte es sich ursprünglich um ein Institut des englischen Rechts, das dazu diente Forderungen englischer Händler auf dem amerikanischen Kontinent mit Hilfe lokaler Unternehmen durchzusetzen. Seit den 1960er Jahren wurde das Factoring auch in Deutschland immer verbreiteter und hat sich als Instrument der Working Capital Finanzierung und des Forderungsmanagement durchgesetzt.

Hauptfunktionen des Factorings

Das Factoring verbindet je nach Ausgestaltung mehrere Funktionen. Die wichtigste Funktion ist die Finanzierungsfunktion. Der Kunde (das Unternehmen, das seine Forderungen „verkauft“) überträgt seine Forderungen (regelmäßig aus Lieferung und Leistung) auf einen Factor (Dienstleistungsunternehmen, welches Factoring anbietet). Im Gegenzug erhält der Kunde von dem Factor liquide Mittel. Dadurch wird eine kurzfristige Finanzierung des Kunden aus dem Working Capital sichergestellt. Diese Umwandlung von Forderungen in liquide Mittel dient dem Kunden häufig auch dazu, die von seinen Lieferanten gewährten Skonten für die frühzeitige Befriedigung von Verbindlichkeiten auszunutzen, da der Kunde ausreichend liquide Mittel zur Verfügung hat, um seine eigenen Lieferanten frühzeitig zu bedienen.

Neben der Finanzierungsfunktion kann das Factoring auch eine Dienstleistungsfunktion übernehmen. Regelmäßig übernimmt der Factor mit Abschluss des Factoring-Vertrages die Verwaltung der Forderungen des Kunden, d.h. die Schuldner-Buchhaltung, die Kreditwürdigkeitsprüfungen, die laufende Überwachung der vorhandenen Schuldner des Kunden sowie das Mahn- und Inkassowesen. Dies erfolgt in der Regel nicht nur für die an den Factor abgetretenen Forderungen, sondern auch für alle anderen Forderungen des Kunden. Für den Kunden führt das zu einem größtmöglichen Rationalisierungseffekt im Forderungsmanagement, dem Factor ermöglicht es auf der anderen Seite aber auch, einen umfassenden Einblick in das Unternehmen des Kunden zu erhalten, der die Grundlage für die Tätigkeit des Factors bildet.

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Arten des Factorings

Das Instrument des Factoring existiert in zwei verschiedenen Ausprägungen, dem „echten” und dem „unechten” Factoring, wobei das „unechte” Factoring in der Praxis den weit überwiegenden Teil einnimmt.

Bei dem als „echtem” Factoring bezeichneten Factoring übernimmt der Factor neben der Einziehung (Durchsetzung) der Forderung selbst auch das Risiko der Durchsetzbarkeit der Forderung und damit der Zahlungsfähigkeit des Abnehmers des Kunden (Übernahme des Delkredererisikos). Für die Übernahme des Delkredererisikos erhält der Factor zusätzlich zu den Gebühren für seine Dienstleistungen beim Einzug der Forderungen eine zusätzliche Provision, die sogenannte „Delkredereprovision”.

Dagegen übernimmt der Factor beim „unechten” Factoring nicht das Delkredererisiko, sondern nur die Dienstleistung des Forderungseinzuges (Durchsetzung der Forderung). Damit trägt der Factor nicht das Risiko, welches aus der Zahlungsunfähigkeit eines Schuldners resultiert. Für den Fall der Nichtdurchsetzbarkeit der Forderung haftet der Kunde dann entsprechend dem Factor. Die Haftung des Kunden für die Durchsetzbarkeit der Forderung wird im Regelfall so ausgestaltet, dass die undurchsetzbare Forderung wieder an den Kunden zurückabgetreten wird und der Kunde im Gegenzug den „Kaufpreis” für die jeweils undurchsetzbare Forderung an den Factor zurückerstatten muss.

Daneben kann das Factoring auch danach eingeordnet werden, ob es gegenüber den Schuldnern des Kunden offen gelegt wird oder nicht, also ob eine offene oder stille Zession der Forderungen erfolgt. Dabei ist in der Praxis das sogenannte „stille Factoring” üblich, bei dem den Schuldnern die Abtretung der Forderung nicht offen gelegt wird und der Forderungseinzug durch den Kunden erfolgt. Der Kunde hält dabei die aus dem Forderungseinzug erhaltenen Gelder treuhänderisch (meist auf einem an den Factor verpfändeten Konto) und leitet diese an den Factor weiter.

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Durchführung des Factorings

Unabhängig von der gewählten Factoringart und der Art der Forderungsabtretung ist eine Grundvoraussetzung zur Durchführung jedes Factoringverfahrens, dass die an den Factor veräußerten Forderungen nicht einredebehaftet und somit ohne größere Rechtsstreitigkeiten durchsetzbar sind. Damit scheiden Forderungen, deren Durchsetzbarkeit zweifelhaft erscheint, grundsätzlich zur Finanzierung im Rahmen des Factorings aus.

Im Rahmen des Factorings erwirbt der Factor in jeder Variante des Factorings bestimmte Forderungen des Kunden mit einem Abschlag auf den nominellen Wert der Forderung. Der Kunde erhält sodann vom Factor einen Vorschussbetrag auf die an den Factor veräußerten Forderungen, der in der Regel 80-90 % des nominellen Wertes der an den Factor veräußerten Forderungen entspricht. Weitere Zahlungen (abzüglich der unten genannten Kosten des Factorings) erfolgen an den Kunden, wenn die Forderung durch den Schuldner tatsächlich beglichen wurde. Die Finanzierung der Forderungen des Kunden durch den Factor bis zur tatsächlichen Zahlung durch den Schuldner kann dabei auf zwei verschiedene Arten erfolgen:

Diskontverfahren

Das erste Verfahren ist das sogenannte „Diskontverfahren”. Im Rahmen des Diskontverfahrens zinst der Factor den Gegenwert der finanzierten Forderung des Kunden einmalig auf den gegenwärtigen Zeitpunkt ab und stellt dem Kunden den abgezinsten Betrag zur Verfügung. Nachteil dieser Variante ist die aufwendige Berechnungsmethode, die häufig aufwendige Korrekturen erforderlich macht, da zum Zeitpunkt der Auszahlung an den Kunden noch nicht der Zeitpunkt feststeht, zu dem der Schuldner des Kunden seine Forderung begleicht.

Zinsberechnungsverfahren

Dagegen zahlt der Factor beim sogenannten „Zinsberechnungsverfahren” zunächst den um einen Abschlag reduzierten nominellen Gegenwert der Forderung (Vorschussbetrag in Höhe von circa 80-90 % des Forderungswertes) an den Kunden und berechnet dem Kunden bis zum Zeitpunkt der Rechnungsbezahlung durch den Schuldner des Kunden bzw. bis zum Delkrederefall Zinsen, die dieser laufend zu bezahlen hat. Der Vorteil dieser Methode liegt auf der Hand: eine schwierige und in der Regel ungenaue Abzinsung ist nicht erforderlich und die Verzinsung erfolgt taggenau bis zur tatsächlichen Zahlung durch den Schuldner ähnlich eines Kontokorrentkredits. Das Zinsberechnungsverfahren wird daher regelmäßig in der Praxis angewendet.

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Kosten des Factorings

Damit entstehen beim Factoring im Wesentlichen Gebühren für den Factor sowie Zinsen für den Zeitraum der Zwischenfinanzierung durch den Factor und, im Falle des echten Factorings, eine Delkredereprovision für den Factor. Damit stellt das Factoring eine kostengünstige kurzfristige Finanzierungsmöglichkeit ohne die Inanspruchnahme eines Kontokorrentkredits dar.

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Wesentliche Inhalte des Factoring-Vertrages

Inhaltlich muss der Factoring-Vertrag zumindest regeln, welche der Funktionen des Factorings vom Kunden in Anspruch genommen werden, und welche Entgelte des Kunden hierfür fällig werden. In der Regel wird zudem bereits im Factoringvertrag die Vorausabtretung aller gegenwärtigen und künftigen Forderungen des Kunden gegenüber seinen Abnehmern (Globalzession) an den Factor vereinbart. Zusammen mit den Forderungen müssen die nicht-akzessorischen Sicherheiten, d.h. die Sicherheiten, die nicht automatisch mit der Abtretung der Forderungen übergehen, auf den Factor übertragen werden. Wichtig ist auch, dass sich die Vertragsparteien darüber einigen, wer das Risiko der Nichtabtretbarkeit, des Nichtbestehens und der Mängelfreiheit der Forderungen trägt. Hinzu kommen in der Regel noch weitere Absprachen zwischen den Parteien, z.B. hinsichtlich der Limite, bis zu denen Forderungen gegenüber einzelnen Schuldnern des Kunden angekauft werden, hinsichtlich der Verpflichtung des Kunden seine Forderungen ausschließlich dem Factor zum Kauf anzubieten, aber auch zu Einsichts- und Kontrollrechten des Factors in das Rechnungswesen des Kunden.

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Rechtliche Probleme im Zusammenhang mit dem Factoring

Rechtliche Probleme können im Rahmen des Factorings regelmäßig dann auftreten, wenn der Kunde im Factoringvertrag eine Globalzession vorgenommen hat und diese Abtretung mit Sicherungsrechten anderer Gläubiger des Kunden kollidiert. Zu nennen sind hier zunächst verlängerte Eigentumsvorbehalte von Warenkreditgebern, insbesondere den Lieferanten des Kunden in Bezug auf die Verbindlichkeiten des Kunden aus Lieferung und Leistung; aber auch die Sicherung von anderen Geldkreditgebern, die zur Besicherung der von ihnen gewährten Kredite eine Sicherungsabtretung von Forderungen des Kunden aus Lieferung und Leistung verlangen. In einem solchen Fall ist in der Vertragsgestaltung darauf zu achten, dass eventuell auftretende Probleme aus konfligierenden Forderungsabtretungen vermieden oder gelöst werden.

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Voraussetzungen für das Factoring

Das Factoring wendet sich vornehmlich an Unternehmen, die einen großen Kreis von Dauerabnehmern im Hinblick auf ihre Waren oder Dienstleistungen haben. Unerlässlich für die Feststellung der Eignung eines Unternehmens für den Abschluss eines Factoringvertrags ist die Durchführung umfangreicher Voruntersuchungen durch den Factor (Due Diligence). Dabei prüft der Factor, ob sich das Unternehmen als Factoringkunde eignet. Hierbei werden alle wesentlichen Daten hinsichtlich der Schuldner des Unternehmens, die jeweiligen Rechnungen, die Höhe der einzelnen Forderungen, die Gläubiger des Unternehmens im Hinblick auf die Skontoausnutzung und sonstige Möglichkeiten der Verbesserung des Cash Managements geprüft, um festzustellen, ob sich das Unternehmen für die Zusammenarbeit im Rahmen eines Factoringvertrags eignet. Hierdurch erhält nicht nur der Factor einen umfangreichen Einblick in das Unternehmen, sondern auch das Unternehmen eine zuverlässige Einschätzung in Bezug auf die durch das Factoring realisierbaren Vorteile. Für den Factor bildet diese Due Diligence-Prüfung zudem die Grundlage dafür, welche Gebühren er dem Unternehmen als Kunden für seine Tätigkeit in Rechnung stellt.

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Factoring und nachgelagerte Verbriefung

Neben dem reinen Factoring ist auch darauf hinzuweisen, dass einige Banken in den vergangenen Jahren verstärkt Forderungskauf-/Factoringmodelle angeboten haben, mit der Möglichkeit die Forderungen im Nachgang zu verbriefen. Im Rahmen der Möglichkeit der nachträglichen Verbriefung bzw. in ABS-Strukturen allgemein ist darauf hinzuweisen, dass auf die Ausgestaltung der jeweiligen Verbriefungsstruktur zu achten ist, damit die Forderungen, die für das Factoring/die Verbriefung vorgesehen sind, nicht im Vermögen des Kunden verbleiben bzw. das Verbriefungsvehikel als durch den Kunden kontrolliert, angesehen wird. Dies kann bei Factoring-/Verbriefungsvehikeln insbesondere dadurch erreicht werden, dass die Forderungen im Rahmen der Verbriefung „durchmischt“ werden und nicht allein das Risiko des Kunden verbrieft wird.1 ^Back to top

Ausblick

Gerade als Finanzierungsinstrument wird das Factoring, insbesondere auch im Hinblick auf die anhaltenden Probleme der Kreditinstitute aufgrund der Finanzkrise, sowie der erneut verschärften Regulierung der Kreditvergabe durch Basel III, auch weiterhin an Bedeutung in der Unternehmensfinanzierung gewinnen. Dies gilt insbesondere dann, wenn im Rahmen des Finanzierungsmixes das Working Capital zur Finanzierung genutzt werden soll, aber z.B. andere Formen der Working Capital Finanzierung wie Borrowing Base Kredite2 nicht in Frage kommen. Beispielhaft sei dabei zu nennen, dass es bereits heute einige Fälle von „Konsortialfactoring” mit Volumina von über EUR 100 Millionen gibt, die auch eine Alternative zu ABS-Transaktionen bilden, wenn eine Verbriefung im gegebenen Marktumfeld nicht möglich ist oder die Möglichkeit einer Verbriefung für einen späteren Zeitpunkt offen gehalten werden soll.

 

  1. Siehe dazu IAS 27 iVm SIC 12.
  2. Siehe dazu unser Client Briefing zu Borrowing Base Finanzierungen.
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